“All ihr homophoben Vollidioten…” – M. Wiebusch

“All ihr homophoben Vollidioten…” – M. Wiebusch
Der Tag wird kommen an dem wir alle unsere Gläser heben. Und wenn man ein bisschen mit der Seele der Menschen und diesem Land, auf diesem Kontinent, vertraut ist, wird es einen Aufschrei geben. Vielleicht keinen großen, aber er wird hörbar sein – wenn dieser Tag denn tatsächlich kommt.

Einer geht davon aus. Es ist Marcus Wiebusch (46), Sänger der Hamburger Indie-Band Kettcar, der bereits im April diesen Jahres sein erstes Soloalbum „Konfetti“ veröffentlicht hat. Mit seinen Texten will sich Wiebusch sehr klar positionieren und im Falle eines Songs polarisiert er derzeit die Gesprächsrunden und Stammtische der Republik. Ihm wird vorgeworfen, er sei populistisch und moralisierend.

„Der Tag wird kommen“ handelt von einem Profi-Fußballer, der sich, auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen, öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. Gesellschaftlich ist Homosexualität inzwischen weitgehend akzeptiert. Aber im deutschen Profi-Fußball?

Thomas Hitzelperger hat mit seinem Outing nur für einen kurzen Hype gesorgt. Er ist ja kein aktiver Spieler mehr. Aber was wäre, wenn ein Thomas Müller, ein Julian Draxler oder ein Erik Durm vor dem nächsten Spieltag den Mut aufbringen würden und laut sagen: „Ich bin schwul“. Ist das dann auch gut so? Eher nicht.

Man kann schon heute die Fans im Stadion rufen hören: „Ey Müller, mit dem breiten Maul kannst du bestimmt gut blasen!“. Oder Sätze wie: „Der Durm kommt immer hart von hinten“ oder „Draxler, du Sau, mach ihn rein!“. Manndeckung bekommt eine völlig neue Bedeutung. In anderem Lichte erscheinen auch Begriffe wie Freistoß, Handspiel oder Lattentreffer.

Es wird so kommen. Weil Fußball harter Männersport ist. Weil im Fußball verweichlichte Homos nichts zu suchen haben. Weil, wie es im Songtext heißt, „die Dümmsten der Dummen“ es so wollen. Doch dabei gibt es sie längst – die schwulen Profis. Wie erkennen wir sie? Wenn ein Spieler keine Freundin hat? Schwul! Der Torwart umarmt den Siegtorschützen? Stark verdächtig! Podolski küsst Schweinsteiger, wie bei der WM in Brasilien (fast) geschehen? Die sind’s!

Nein! Man wird sie nicht erkennen, bis sie ins Licht der Öffentlichkeit treten. Sie spielen Fußball. Sie ernten Applaus. Sie geben ihr Bestes für das Team. Auch wenn sie vielleicht innerlich zerbrechen, weil die Vereine öffentliche Auftritte mit der Freundin an der Seite arrangieren müssen, damit niemand etwas merkt. Der Song „Der Tag wird kommen“ setzt sich sehr emotional damit auseinander, aber erst das jetzt erschiene Video hat Wiebusch’s Botschaft die entscheidende Tiefe gegeben. Die Regisseure Dennis Dirksen und Björn Langer haben dem Text ein Gesicht verliehen, das beeindruckt und einen nachdenklich zurücklässt.

Zumindest so lange, bis einer seinen Mut zusammennimmt, der Erste zu sein der mit seiner Maskerade aufhört und damit den Aufschrei auslöst.Aber vielleicht hören wir den Aufschrei auch gar nicht. Weil wir alle jubeln. Weil wir mit demjenigen feiern, der es tatsächlich gewagt hat.

Arnd Hemken

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>